SchwerpunkteDie 500 reichsten DeutschenVermögen A–ZBörse aktuell
investoren magazin

Die stille Übergabe: Wie Deutschlands Unternehmerfamilien Milliarden vererben

In den nächsten zehn Jahren wechseln Unternehmensvermögen in historischem Umfang die Generation. Wie die Übergabe gelingt – und warum sie so oft scheitert.

Fabrikhalle im Generationswechsel – ASCII-Illustration

Es ist die größte Vermögensbewegung der deutschen Geschichte, und sie findet fast unsichtbar statt: Die Gründer- und Wirtschaftswunder-Generation übergibt ihre Unternehmen. Hunderttausende Firmen suchen in diesem Jahrzehnt einen Nachfolger – vom Handwerksbetrieb bis zum Weltmarktführer, dessen Familie in der Liste der 500 reichsten Deutschen steht.

Warum die Übergabe so oft scheitert

Die Statistik ist ernüchternd: Nur ein Bruchteil der Familienunternehmen übersteht die dritte Generation in Familienhand. Die Gründe sind selten wirtschaftlicher Natur. Es scheitert an ungeklärten Rollen, an Gerechtigkeitskonflikten zwischen Geschwistern, an Patriarchen, die nicht loslassen können, und an Erben, die nicht übernehmen wollen. Das Unternehmen ist meist gesund – die Familie ist es nicht.

Die Werkzeuge der Profis

Die großen Unternehmerfamilien haben aus den Fehlern anderer gelernt und institutionalisiert, was kleinere Familien dem Zufall überlassen:

  • Familienverfassung: Ein privatrechtliches Regelwerk, das festlegt, wer im Unternehmen arbeiten darf, wie Anteile bewertet und übertragen werden und wie Konflikte gelöst werden – vereinbart, solange niemand streitet.
  • Trennung von Eigentum und Führung: Immer mehr Familien holen Fremdmanager an die Spitze und ziehen sich auf Beirats- und Gesellschafterrollen zurück. Die Familie kontrolliert, das Management führt.
  • Stiftungsmodelle: Nach dem Vorbild von Bosch oder Zeiss überführen Familien ihr Unternehmen in Stiftungsstrukturen – das sichert den Fortbestand, verhindert Zersplitterung und bindet das Vermögen dauerhaft an den Unternehmenszweck.
  • Frühe, gestaffelte Übertragung: Steuerlich wie familiär ist die schrittweise Übergabe zu Lebzeiten dem großen Knall im Erbfall überlegen.

Wenn kein Nachfolger da ist

Immer häufiger endet die Suche ohne Ergebnis – und dann beginnt die zweite große Bewegung: der Verkauf. Beteiligungsgesellschaften haben den deutschen Mittelstand als Anlageklasse entdeckt und übernehmen Firmen, deren Gründer keine Nachfolge fanden. Für die Familien bedeutet das den Wandel vom Unternehmer zum Vermögensverwalter – aus der Fabrik wird ein Family Office, aus Betriebsvermögen wird Kapitalvermögen.

Was das für den Standort bedeutet

Die stille Übergabe entscheidet mit über die Zukunft des deutschen Wirtschaftsmodells. Familienunternehmen halten Arbeitsplätze in der Fläche, denken in Generationen statt in Quartalen und tragen Regionen, die sonst niemand trägt. Ob diese Struktur die große Übergabewelle übersteht, ist offen – sicher ist nur: Die Vermögenslandschaft, die wir in zehn Jahren kartieren, wird eine andere sein als die heutige.